Leseprobe — Vorwort
Ich pflegte fast zu Tode, was ich war.
Es war 3 Uhr nachts.
Ich saß auf dem Boden.
Nicht auf dem Stuhl. Auf dem kalten Küchenboden.
9 Medikamentenpackungen vor mir.
14 Seiten Epikrise – der Arztbericht nach der Entlassung.
3 Arztbriefe, die ich zum 4. Mal las.
Und immer noch nicht verstand.
Meine Mutter schlief im Nebenzimmer.
Ich hörte ihren Atem durch die dünne Wand.
Ruhig. Gleichmäßig.
Sie schlief.
Ich nicht.
In diesem Moment dachte ich:
Ich bin der falsche Mensch für diesen Job.
Ich bin kein Arzt. Kein Pflegefachmann.
Kein Experte für irgendetwas, das gerade von mir verlangt wird.
Ich bin Ique Novel. Ihr Sohn.
Das ist alles, was ich habe.
Das musste reichen.
Im Oktober jenen Jahres stürzte sie.
An einer Raststätte. Aus einem Reisebus.
Die Stufe war zu hoch.
Sie fiel ungebremst auf den Asphalt.
Das hätte schon das Schlimmste sein sollen.
Dann passierte etwas im OP-Saal, das nicht passieren darf.
Menschliches Versagen. Ungeklärte Umstände.
Ich schreibe in Kapitel 2 darüber.
3 Operationen. 1 Rehabilitation. Monate voller Schmerzen.
Und die Frage, die ich mir jeden Tag stellte:
Wird es wieder normal?
Man hört nicht auf zu funktionieren.
Man gibt einfach auf.
Jeden Tag ein bisschen mehr.
Leise. Ohne dass jemand es merkt.
Auch du selbst nicht.
Ich wollte nur den nächsten Morgen überstehen.
Ich fing an, den nächsten Tag zu planen.
In dieser Nacht auf dem Küchenboden entstand KAPSEL.
Nicht als Konzept. Nicht als Methode.
Als Notlösung eines erschöpften Sohnes. Um 3 Uhr nachts.
devagar.
Das Vorwort geht weiter im Buch.